Wenn man über die Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Polen und Tschechien spricht, landet man schnell bei großen Förderanträgen und administrativen Strukturen. Wenn man an die Teilnehmerakquise für Veranstaltungen denkt, an Sprachbarrieren. Doch ist das wirklich DAS was uns zögern lässt unsere Veranstaltungen, Projekt und Unternehmungen über die Staatsgrenzen hinaus zu denken?
Im Rahmen unserer ahoj-Austauschrunde Cześć & Ahoj! „Grenzenlos Arbeiten“ haben wir Akteure eingeladen, die in ihrer täglichen Arbeit die Grenze zu überwinden versuchen – Aus der Kulturpraxis, Verwaltung, Jugend- und Gedenkstättenarbeit, Philosophie und Wirtschaftsförderung. In lockerer Runde in unseren ahoj-Räumen wurde unseres Tisches in Papier gehüllt und diente uns als Protokoll zur Bestandsaufnahme. Das Ergebnis war ein kurzer, aber tiefgründiger Austausch, der vor allem eines klargemacht hat: Erfolgreiche grenzübergreifende Arbeiten ist Beziehungsarbeit – aber genau das ist Fluch und Segen zugleich.
Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse und Spannungsfelder, die wir am Tisch identifiziert haben:

1. Das „Beziehungs-Prinzip“ gegen die deutsche Checkliste
Ein zentraler Punkt der Runde: Während wir Deutschen dazu neigen, Projekte direkt über starre Checklisten und strukturierte Meilensteine abzuarbeiten, braucht die Zusammenarbeit mit polnischen und tschechischen Partnern erstmal ein warm up: persönliche Beziehungen und Vertrauen. Das Eis bricht nicht durch ein perfektes Konzeptpapier, sondern durch gemeinsame Interessen auf Augenhöhe. Wer nur Listen abhaken will, scheitert oft an den unterschiedlichen Arbeits- und Herangehensweisen der Kulturen.
2. Handfestes Wissen: Warum Smalltalk kein Zeitvertreib ist
Wie man diese Brücke schlägt, zeigt ein konkretes Werkzeug, das unser Gast Manuel Schubinski von der IHK nicht nur mitgebracht hat, sondern dessen Autor er auch ist: das „Handbuch für die deutsch-polnische Kooperation“. Ein wertvoller Tipp daraus beschreibt eine fundamentale kulturelle Nuance: die immense Bedeutung von Smalltalk. Während im deutschen Arbeitskontext Smalltalk oft als effizienzmindernd weggelächelt wird, ist er für polnische Partner unverzichtbar. Sich bewusst Zeit dafür zu nehmen, hilft dabei, Gemeinsamkeiten zu entdecken, echtes Interesse zu zeigen, Vertrauen aufzubauen und eine lockere Atmosphäre zu schaffen. Kurz gesagt: Ohne den scheinbar „unproduktiven“ Kaffee vorab gibt es oft kein produktives Projekt danach.
3. Das Problem der Personenzentrierung: Wenn Kontakte zur Barriere werden
Obwohl es Leitfäden wie das IHK-Handbuch gibt, offenbarte sich in der Runde eine strukturelle Schwachstelle in der Region: Es fehlt an einem zentralen, transparenten und trägerübergreifenden Wegweiser für die Zusammenarbeit. Fast alles ist an einzelne Personen und deren Netzwerke gebunden. Wer ein Projekt starten will, braucht das Vertrauen eines etablierten „Vermittlers“ oder einer „Türöffnerin“. Für Neulinge macht genau das den Einstieg extrem schwer. Die Kooperation wird dadurch fragil – bricht eine Schlüsselperson weg, bricht , wie eine Teilnehmerin beschreibt, im schlechtesten Fall das gesamte Netzwerk ein. Es fehlt an verlässlichen, institutionalisierten Strukturen, die den Zugang für alle demokratisieren.
4. Die Subkultur-Blase: Fluch oder Segen?
Ein Phänomen, das viele Akteure aus der Praxis kennen: Zu den Veranstaltungen hüben wie drüben kommt oft ein treues Stammpublikum. Es entsteht eine Art binationale „Ingroup“ – eine eigene Subkultur-Blase. Hier scheiden sich die Geister: Die einen sind damit zufrieden, weil dieses eingespielte Netzwerk eine verlässliche und vertraute Basis sichert. Fast familiär. Die anderen sehen es kritisch, weil diese Blase für Außenstehende schwer zu durchbrechen ist und der Sprung in die breite Öffentlichkeit der jeweiligen Partnerstadt dadurch sogar erschwert werden kann.
5. Keine Sprungbretter, sondern echte Bühnen
Ein wichtiges Plädoyer der Runde betraf die Rolle von Partnern und Begleitenden auf der polnischen und tschechischen Seite. Sie dürfen in Projektanträgen nicht bloß als strategisches „Sprungbrett“ genutzt werden, um Zugang zur dortigen Zielgruppe zu bekommen. Es geht um echte Augenhöhe. Das bedeutet: Partnern und Akteuren des Nachbarlandes muss eine echte, gleichwertige Bühne geboten werden, auf der sie ihre eigenen Perspektiven und Stärken voll entfalten können.
6. Komplexe, Asymmetrien und die Last der Geschichte
Die Grenze ist in den Köpfen oft noch spürbar, weil historische Erzählungen uns immer noch trennen. Die Narrative auf beiden Seiten der Neiße unterscheiden sich teilweise stark. Doch die Asymmetrien sind nicht nur historisch: Obwohl Polen in den letzten Jahren ein enormes Wirtschaftswachstum an den Tag gelegt hat, existieren im Alltag nach wie vor reale Wohlstandsunterschiede. Ob beim Einkommen, im Gesundheitssystem oder bei der Absicherung im Alter – diese ungleichen Startbedingungen erzeugen feine Komplexe auf beiden Seiten, die das Arbeiten auf Augenhöhe unbewusst erschweren. Diese sensiblen, sowohl geschichtlichen als auch wirtschaftlichen Dynamiken zu erkennen und sensibel zu begleiten, ist eine der größten Aufgaben der hiesigen Kultur- und Bildungsarbeit.
Unser Fazit: Wie geht es weiter?
Der Austausch hat gezeigt: Es brennt an zwei Ecken gleichzeitig. Wir haben in Görlitz ein strukturelles Defizit – uns fehlt ein leicht zugänglicher, digitaler oder analoger Wegweiser, der bestehende Hilfen (wie das Handbuch der IHK oder die Beratungen der Entwicklungsgesellschaft Oberlausitz Niederschlesien (ENO) bündelt und den Einstieg für jeden ermöglicht, ohne dass man vorher jahrelang Klinken putzen muss. Und gleichzeitig brauchen wir dringend geschützte Räume, um genau über diese weichen, soziokulturellen Faktoren, Arbeitsweisen und geschichtlichen Asymmetrien zu sprechen.
Für uns bei ahoj ist dieser Austausch der Startschuss für mehr. Wir stecken bereits die Köpfe zusammen, um daraus konkrete, vertiefende Folgeformate zu schmieden, die genau da ansetzen, wo die Praxis Unterstützung braucht – sowohl beim Verknüpfen harter Strukturen als auch bei der weichen Beziehungsarbeit.
Ein großes Dankeschön an alle geladenen Gäste für diesen ehrlichen und reflektierten Blick hinter die Kulissen der Europastadt!

